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Das Liebeswerben des Zaunkönigs

„Nichts von dem, was sich ergibt, ist auch nur im Entferntesten der Situation angemessen.“

Unsichtbares Komitee

Zuerst war da nur dieses Rauschen, das man für das Rau­schen von Blättern einer Eiche oder Buche hätte halten kön­nen, wäre es nicht erst Anfang März gewesen, eine Zeit, in der Blätter allenfalls Knospen sind und Wind des­halb kein Ge­räusch mit ihnen erzeugen kann, das einem Rauschen auch nur annähernd ähnlich wäre. Auch war es draußen windstill, und da es langsam dämmerte, konnte man ein Flugzeug er­kennen, eine alte Propellermaschine, dem Kenner vertraut unter dem Namen Polikarpow I-16, hier in der zweisitzigen Trainerversion, wie sie in Russland im Zwei­ten Weltkrieg zur Ausbildung der Piloten zum Einsatz kam, während die einsitzige Version ausschließlich für den Kampfeinsatz vor­gesehen war. Dieses Flugzeug rollte langsam zur Startbahn, wes­halb das gleichmäßige Rauschen während der Aufwärm­pha­se des neunzylindrigen Sternmo­tors jetzt in ein unregel­mä­ßiges, an- und abschwel­lendes Brausen überging, je nach­dem, ob das Flugzeug eben einer längeren Gerade auf einer Taxiroute folgte oder wegen einer Kurve die Geschwindig­keit reduzierte.

Das Bemerkenswerte war, dass sie von einem Mann gesteu­ert wurde, der solch eine Maschine schon im Großen Vater­ländischen Krieg hätte fliegen kön­nen, was an sich schon eine bemerkenswerte Leistung ist, wenn man bedenkt, dass das Ende dieses Krieges jetzt fast genau 45 Jahre zurücklag und wir uns in dem Jahr befinden, das unter normalen Umständen als das Jahr des russischen Hochs in die Annalen einge­gangen wäre, wenn nicht dum­merweise kurz zuvor die UdSSR zusammengebrochen und Russland in letzter Konsequenz allein und ohne Satrapen übrig geblieben wäre.

Noch bemerkenswerter aber als unser Pilot ist die Blondine an seiner Seite, die, offensichtlich in leichte Abendgardero­be gekleidet, ihre nackten Schultern mit dem Fell eines Po­larfuchses vor der zweifelsohne feuchten Kühle des begin­nenden Vorfrühlingstages schützte.

Sollte der Pilot tatsächlich schon im erwähnten Krieg sein Vaterland vor den Aggressoren verteidigt haben, was sehr wahrscheinlich ist, denn wer könnte heute noch eine Poli­karpow I-16 fliegen, die seinerzeit als kapriziös galt, was damals nicht viele für den Dienst an diesem Fluggerät quali­fizierte, dann wäre er heute vermutlich ein hochdekorierter General kurz vor oder nach seiner Pensionierung, der eben mal mit seinem alten Arbeitsgerät von Leningrad oder Moskau auf diese nur noch halb von den Russen ge­nutzte Militärbasis vor den Toren Berlins geflogen ist.

Fragt sich nur, warum?

Diese Frage lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend klären.

Der Einfachheit halber ist davon auszugehen, dass der er­graute Pilot einerseits tatsächlich Russe und andererseits schon im Großen Vaterländischen Krieg im Einsatz war, was seine Leistung, angesichts der Tatsache, dass in dem leeren Hangar, an dem das Flugzeug gerade vorbeirollt, die ganze Nacht ein rauschendes Fest gefeiert wurde, bei dem der rus­sische Pilot, wie Russen das eben so tun, reichlich dem Champagner, dem Wodka und ausreichenden Mengen Be­luga-Kaviars zusprach und sicher keine Minute ein Auge zutat, bevor er wieder in diese Maschine stieg, um wer weiß wohin zu fliegen, angesichts all dessen ist dies eine wahrlich heroische Leistung.

Vergessen wir aber über all dem Heroismus nicht die Blon­dine an der Seite des Piloten, die mehr als ausreichend betörend ist, um in dieser Geschich­te noch eine größere Rolle zu spielen.

Welche ?

Wer weiß ?!

Wie es der Zufall so will, träumt Sergej, der seinen Vorna­men nicht einem russischen Vater, sondern der uneinge­schränkten Bewunderung seiner Mutter für den Filmpionier Sergej Eisenstein verdankt, der aber anders als sein Na­mens­pate definitiv kein Russe ist, genau von dieser mehr als ausreichend betörenden Blondine und hält das anfäng­lich gleichmäßige Rauschen tatsächlich für das Rauschen von Blättern, was auf eine mehr als ausreichende Intoxika­tion mit berauschenden Stoffen schließen lässt, denn normaler­weise ist Sergej, so sagt es zumindest seine Mutter, fest in der sogenannten Realität verankert, wozu auch eine genaue Kenntnis der Jahreszeiten zählt. Und gestern Abend war ihm noch vollkommen bewusst, dass es eine kalte Nacht werden würde, weshalb er auch seine Daunenjacke eingepackt hatte, auf der er nun im Hangar liegt und von jener betörenden Blonden träumt, dass sie miteinander unanständige Dinge täten, die ihm im Zustand vollkommener Nüchternheit wahr­scheinlich nie in den Sinn gekommen wären. Wir ver­raten hier auch gleich ein Geheimnis. Seit jeher war ihm sein Vorname peinlich, sodass er ihn mit entsprechendem Abstand zu seiner Mutter einfach in das französische Serge verwandelte, was auch viel besser zu seinem Nachnamen Perceval passte, von dem er aber auch annahm, dass die durchweg fran­kophile Weiblichkeit in der Schule und dann an der Un­iversität den Träger dieses Namens mit eben jener Dosis an Frivolität ausstattete, die man unseren männlichen Nachbarn jenseits des Rheins von Natur aus zusprach.

Gerade jetzt aber schleichen sich in den Schlaf und selbst­verständlich auch in den Traum unwidersprochen Zweifel, ob es denn ein Blätterrauschen sein kann, das all­mählich seine Großhirnrinde erreicht, und wenn ja, könnte es wirk­lich das Rauschen von Eichen und Buchen sein, wo es doch der um diverse Basstöne bereinigte Klang der lanzettförmi­gen Blätter von Weiden sein müsste, die es im Ge­gensatz zu Eichen und Buchen reichlich hier gibt.

Auch wenn die Logik jetzt verlangt, dass, wenn es denn An­fang März ist, weder an Eichen und Buchen noch an Weiden Blätter zu finden sind: Wer wollte diese intellektuelle Leis­tung jetzt von unserem unsanft aus seinen Träumen geweck­ten Schläfer verlangen?

Angesichts der Menge an berauschenden Substanzen im kardiovaskulären System unseres Träumers brauchen die Zweifel, ob angebracht oder nicht, geraume Zeit, um ihre Be­rech­tigung nachzuweisen und den Schläfer aus einer Quasi-Katatonie in jenen Zustand zu versetzen, den man nur halbwegs wach nennen kann. Sein erster Blick fällt, da Ser­gej zu den sogenannten Rückenschläfern ge­hört, zwangsläu­fig an die Decke des Hangars, den die Polikarpow I-16 gera­de eben hinter sich gelassen hat, und voller Schreck miss­deutet er die scharfen Strahlen, die halbkreis­förmig sein Lager vom Rest des Hangars abtrennen, als Laser­gitter, dass ihn von der Flucht oder ähnlich sinnlosen Aktivitäten abhal­ten soll. Ganz Kind seiner Zeit vermutet er für etwas weni­ger als eine Sekunde, dass er Gefangener der Klingonen ist, die ihn auf einem ihrer Raumschiffe gefangen halten, um ihm zu gegebener Zeit mit der Menschheit noch vollkommen unbekannten Werkzeugen unaussprechliche Schmerzen zuzufügen. Der unvermeidliche Adrenalinstoß, den solch ein Gedanke bei jedem halbwegs normalen Individuum auslösen muss, hat den unabweislichen Vorteil, die Verankerung in der Rea­lität, auf die Sergejs Mutter so stolz ist bei ihrem Sohn, wie­der in ihr Recht zu setzen, und das Lasergitter als das zu er­kennen, was es ist: Das Licht eines unschuldigen Morgens, das durch die abgeplatzten Nieten an der Decke des Hangars auf den Boden fällt in zugegeben verdächtiger For­mation.

Angesichts der bis an die Komagrenze reichenden Intoxika­tion mit vorwiegend alkoholischen Suchtmitteln erwacht Sergejs Verstand jetzt mit erstaunlicher Geschwindigkeit, und in der Folge erkennt er das Rauschen, das jetzt wieder stärker wird, als das Geräusch eines Flugzeugmotors, ge­nauer eines neunzylindrigen Sternmotors einer Polikarpow I-16, die General Pjotr Andruchin schon 1945 bei der Be­freiung seiner Heimat von den deutschen Aggressoren ge­flogen hat, und mit der er auch die armseligen Reste der deutschen Wehrmacht verfolgte, die von Königsberg nach Westen flo­hen in die Reste jenes Reichs, das einmal 1000 Jahre wäh­ren sollte, aber dann nach nur 12 Jahren unterging. Nach 69 Abschüs­sen feindlicher Maschinen und anderthalb Bruch­landungen, bei denen er schwere Stauchungen seiner Wir­belsäule erlitt, verfolgte er an einem Märztag im Jahr 1945, also vor ziem­lich genau 45 Jahren, einen Konvoi aus mehre­ren Last­wagen, der unbedingt, so lautete die Order, ge­stoppt, aber keinesfalls zerstört werden durfte. Schon bei der Verlesung des Befehls hatte Andruchin die Stirn gerun­zelt, weil ihm bis zum Start und auch während des gesamten An­griffs nicht klar war, wie er mit den Bordwaffen diesen Konvoi stoppen könnte, ohne ihn in seine Einzelteile zu zer­legen. Man kann davon aus­gehen, dass der Ehrgeiz unseres Piloten zu diesem Zeitpunkt kurz vor Ende des Kriegs, wo der Feind schon so gut wie besiegt war, zu keinen neuen Höhepunkten mehr eil­te, zumal ihn in Moskau nach dem Endsieg nicht nur Galina Iwanowna erwartete, sondern auch eine glänzende Karriere im russischen Militär.

Was diesen Konvoi so überaus interessant macht, ist die La­dung, die die sechs Wagen – hastig und unzureichend ver­packt – auf ihren Ladeflächen transportierten. So glaubt es zumin­dest Stanislaus Uhde, der Sergej in einem langen und ermü­denden Gespräch auf seine Aufgabe vorbereitet hatte, immer wieder unterbrochen durch lange Zigarrenpausen und die wiederholt gestellte Frage, ob Sergej ihm, Stanislaus Uhde, folgen könne, worauf Sergej immer pflichtschuldigst nickte und sich mit fortwährender Dauer dieser Unterrich­tung fragte, ob Uhde denn wirklich gewillt war, die telefo­nisch zugesagte Summe als Vorschuss rauszurücken, derent­wegen er eigentlich in diesem düsteren Zimmer vor dem massiven Schreibtisch aus deutscher Eiche saß, der einmal Josef Goebbels persönlich gehört haben soll. Wenn Uhde sagte, er glaube, dass der Konvoi unterwegs nach Böhmen war, so stimmt das nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein junger Gefreiter, der zur Bewachung der Kisten auf der La­defläche des letzten Lastwagens saß, wegen des Angriffs ei­ner Polikarpow I-16 bei dem Versuch, in Deckung zu gehen, einfach von der Ladefläche fiel und solange steif vor Schreck im eiskalten Matschliegen blieb, bis der Pilot der Polikarpow wahrscheinlich wegen Spritmangels aufgab und nach Osten abdrehte, während der Konvoi längst in einem Wald verschwunden war, der so dicht war, dass er als De­ckung vor der Polikarpov dienen konnte, von dem Uhde aber auch wusste, dass der schmale Feldweg, auf dem der Konvoi un­terwegs war, mitten unter mächtigen Kiefern auf eine große, gut ausgebaute Straße traf, die in den Westen führte und nach etwa anderthalbtägiger Fahrt bei Elblag auf eine Tra­verse in den Süden traf, die den Konvoi nach einer weiteren dreitägigen Fahrt schließlich bis nach Ostrau hätte bringen sollen. Wo er aber nie angekommen ist, das weiß Uhde sicher, denn er hat fast sein ganzes Leben damit ver­bracht, diesen Konvoi zu suchen. Was Uhde Sergej nicht verriet, war der Name des Gefreiten, der von der Ladefläche gefal­len war, was mehr als verständlich ist, denn der Gefrei­te hieß – Sta­nislaus Uhde, damals ein junger Mann von 22 Jahren, der diese wenig heldenhafte Episode seines Lebens nicht einmal seiner Frau Elvira erzählt hatte, die ihn vor drei Jah­ren trotz anscheinend bester Gesundheit verlassen hatte in­folge eines Hirnschlags. Wegen dieses plötzlichen Ab­schieds hegte Uhde noch immer ein wenig Groll auf seine Frau, der einzig dadurch gemindert wurde, dass sie ihm ihr stattliches Ver­mögen hinterlassen hatte, was ihm die sorgen­freie Verfol­gung des einzigen Ziels erlaubte, das er jemals im Leben hatte: Der Suche nach dem Bernstein­zimmer, das auf den Ladeflächen der LKWs so unsachgemäß verstaut war, dass eine der Kisten beim Durchfahren eines Schlag­lochs einen Sprung machte und einen jungen Gefreiten, der vor den Ma­schinen­gewehrsalven des russischen Flugzeugs Schutz such­te, am Schienbein traf, worauf dieser einfach von der Ladefläche fiel. So wenig heldenhaft das erscheinen mag, so war es vermutlich dieser Sturz, der Uhde das Leben rettete, denn von all den Kameraden, die den Transport be­gleiteten, ist keiner jemals wiederaufgetaucht, sodass Alle zehn Jahre nach Kriegsende für tot erklärt wurden und ihre Witwen eine kleine Rente erhielten, die wenigstens das Überleben sicherte, sofern sie nicht schon vorher verschie­den waren. Auch das Bernsteinzimmer blieb verschwunden, und selbst Heer­scharen von Schatzsuchern fanden niemals auch nur den kleinsten Krümel davon wieder. So bleibt als vermutlich letzter Lebender, der das Bernsteinzimmer gese­hen hat, nur Stanislaus Uhde, auch wenn er das, was in den Kisten war, nicht wirklich gesehen hat, aber jedem, der sie aus den Kellern des Königsberger Schlosses kurz vor Son­nenaufgang zu den Lastwagen schleppte, war klar, dass es sich nur um das

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